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Nachruf auf Heinz Schlage

Ein Unwetter fegte über Norddeutschland. Ungewöhnlich starke Orkanböen überzogen das Land. Doch um die kleine Friedhofskapelle in Isernhagen bei Hannover blieb es seltsam still. Auch im Inneren, wo wir uns von Heinz Schlage verabschiedeten. Die Elemente tosen, wenn ein Großer geht.

 

Heinz Schlage ist im Herbst 2013 von uns gegangen. Und in der Friedhofskapelle war spürbar und klar: Nicht nur im Familien- und Freundeskreis, auch für das Theater, als Kunst, als Theatertherapie ja für ein tieferes Verständnis des Mediums, der Gemeinschaftskunst Theater hatte Heinz fundamentale Grundlagen gelegt. Er selbst hat sich stets als Theatermacher, als Künstler und Handwerker verstanden, sich nie in einzelne Disziplinen oder gesellschaftliche Bereiche einkasteln lassen, sich nur dem Herzen, den Traditionen, der Erforschung und den Wirkgesetzen des Mediums verpflichtet gefühlt. Dabei hatte er eine an Wissenschaft, ja manchmal an Pedanterie gemahnende Akrebie entwickelt, und diese gleichzeitig mit Weitsicht und Tiefe verbunden, daß mancher ihm nicht folgen wollte und den größeren Horizont lieber als Überheblichkeit abtat. Sogar grausam hat ihn mal ein Kursteilnehmer genannt, weil er sein „Kind“ ,das Rituelle Spiel (ein konzentratives Gruppenimprovisationsverfahren, mit dem auch die Bilder des kollektiven Unterbewußten ans Licht gehoben werden), immer wieder auch zu einer künstlerischen Wahrheitssuche nutzte, die die konventionellen Artigkeiten und Nettmachbedürfnisse eines eher an Anpassung interessierten Milieus konsequent ignorierte.

 

So wurde er auch für die deutsche Theatertherapie zu einem gleichermaßen fundamentalen wie unbequemen Stichwortgeber. Er hat die Geburtswehen bei der Entstehung der Deutschen Gesellschaft für Theatertherapie von der ersten Stunde an begleitet. Er blieb der Theaterkünstler und Visionär, der die heilsamen Dimensionen der Theaterkunst pur (nicht zu verwechseln mit dem Theater als gesellschaftliche Einrichtung!) im Blick behielt und sie nicht leichtfertig durch scheinbar ähnliches aus Medizin und Psychotherapie ersetzen wollte.

 

Er hat immer auch die gesellschaftlichen Dimensionen im Auge behalten. Und er ist dabei nicht in die Sackgasse geraten, in der sich, vor allem, „seriöse“ Linke üblicherweise selbst lähmen. Er hat früh verstanden, daß eine ganzheitliche Theaterkunst, aber auch ein ganzheitliches Verständnis von Heilung, nicht ohne spirituelle Dimensionen denkbar ist. Sein Verständnis von der Wirkung des Rituellen Spiel im Zusammenhang mit dem kollektiven Unterbewußtsein hat ihn über die altägyptische Mythologie und Spiritualität zentral zu den Themen geführt, die im eigentlichen Kompetenzbereich der Gemeinschaftskunst Theater liegen: die Versöhnung mit der Vergänglichkeit , den Fragen nach dem vor und nach dem Leben, dem Tod und der Transzendenz.

 

Heilung war für ihn weniger auf das Individuum bezogen. Er war kaum an Psychotherapie interessiert. Sein Verständnis von der heilsamen Wirkung des Theaters war eher den größeren Zusammenhängen zugewandt. Er hat uns Schauspielstudenten die soziotherapeutischen Dimensionen der Arbeit des frühen Brecht und des frühen Moreno, ja sogar im Werke Shakespeares klar gemacht, ohne seine eigene Arbeit als „therapeutisch“ zu benennen. Und von der griechischen Tragödie bis heute hat er stets die soziotherapeutische Dimension des Theaters im Blick gehabt, ohne sie so zu benennen.

 

So hat er für mich und auch für andere die DGfT mit ausgerichtet auf eine Tiefe und auf Wirkfelder, die noch lange nicht voll in unserem Breitenbewußtsein angekommen sind, und die wir erst später und nach und nach erfassen werden. Heinz Schlages Wirken gehört nicht der Dramatherapie allein, dafür war er zu vielseitig. Sein Werk gehört eher dem Theater an sich. Aber die Dramatherapie in Deutschland wäre heute eine andere, wenn sie nicht entscheidende Impulse von Heinz Schlage aufgenommen hätte. Dafür, Heinz, danken wir Dir!

 

Gandalf Lipinski , Heckenbeck, zum Jahresbeginn 2014